Der ungesehene Designklassiker
Plakat © Sara Bock
Irgendwann stand er einfach überall. In Küchen und Kantinen, auf Terrassen und in Partykellern, bei Oma und in der Schule. Der EW 1192 war der verbreitetste Küchenstuhl der DDR – und trotzdem kannte ihn niemand beim Namen.
Dabei hatte er alles, was ein guter Stuhl braucht: eine klare Form, überraschenden Komfort, vier Beine die nicht wackeln. Er war robust genug für Jahrzehnte Familienleben, schlicht genug um nie aufzufallen – und irgendwie schön genug, um nie weggeworfen zu werden. Während die Stuhlbauindustrie im Erzgebirge verschwand, blieb er in den Wohnzimmern. Auf Flohmärkten tauchte er immer wieder auf, ohne dass jemand wusste, woher er eigentlich kam.
Das ließ den Holzgestaltungs-Professor Jacob Strobel nicht los. Er begann zu forschen, Experten zu befragen, Zeitzeugen zu suchen. Er fand Familien, die mit diesem Stuhl 50 Jahre Lebensgeschichte verbinden. Er entdeckte, dass der EW 1192 im Entwurfsbüro Waldheim entstand – jenem Kollektiv um Formgestalter Horst Heyder, das von 1954 bis 1989 Sitzmöbel für die industrielle Fertigung entwarf. Und er baute leicht veränderte Prototypen – mit dem Traum, dass der Stuhl eines Tages wieder in Serie geht. Diesmal unter dem Namen „Horst".
Mark Michel und TELESKOP haben diesen Weg begleitet: vom Flohmarktfund zum Museumsobjekt, vom vergessenen Alltagsding zum wiederentdeckten Designklassiker.
„Entstanden ist ein bezaubernder, 35-minütiger Film über den Stuhl und Strobels Verbissenheit, erzählt mit großer Empathie für die Menschen, die von ihren Lebenserinnerungen berichten, und mit poetischer Schönheit, weil die Filmemacher den Stuhl mitten in die Landschaft stellen, vor Häuser, auf eine Allee, ihn so in Standbildern einfangen, ihm dadurch eine verblüffend starke Präsenz geben."
— Katharina Leuoth, Freie Presse, 6. September 2025Der vollständige Film ist kostenlos auf der digitalen Museumsplattform Voices der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verfügbar: